Jedes Bauvorhaben, sei es eine Sanierung im Bestand, ein Neubau oder der
Innenausbau einer Gewerbefläche, steht und fällt mit der sichtbaren Qualität der
Ausführung. Architekten, Planer und Bauherren investieren viel Zeit und Budget in
die Bemusterung von Oberflächen. Es werden Bodenbeläge ausgewählt,
Wandfarben abgestimmt und Fassadenmaterialien geprüft. Das Ziel ist immer ein
stimmiges Gesamtbild, das Wertigkeit ausstrahlt und den Nutzer überzeugt. Doch oft
wird bei der Abnahme oder spätestens bei der Nutzung festgestellt, dass die
realisierte Optik von der Planung abweicht.
Die Ursache liegt häufig nicht an Mängeln im Material oder handwerklichen Fehlern,
sondern an der Beleuchtung. Licht ist der entscheidende Faktor, der Architektur erst
sichtbar macht. Dabei wird in der Planung oft nur auf die Helligkeit oder die Lichtfarbe
geachtet. Ein wesentlich kritischerer Parameter für die visuelle Qualität ist jedoch die
spektrale Zusammensetzung des Lichts. Der technische Maßstab hierfür ist der
Farbwiedergabeindex (CRI). Dieser Wert gibt an, wie naturgetreu Farben unter
einer künstlichen Lichtquelle im Vergleich zum natürlichen Tageslicht dargestellt
werden.
Für alle am Bau Beteiligten ist das Verständnis dieses Faktors von großer
Bedeutung. Eine falsche Leuchtmittelauswahl kann dazu führen, dass hochwertige
Materialien billig wirken oder Farbkonzepte in sich zusammenfallen. Dieser Ratgeber
beleuchtet die Bedeutung der Farbwiedergabe für die gesamte Baubranche und gibt
Hinweise, wie Qualitätseinbußen durch korrekte Lichtplanung vermieden werden.
Grundlagen der Lichttechnik im Bauwesen
Um fundierte Entscheidungen bei der Elektroplanung oder der Auswahl von
Leuchten treffen zu können, ist ein grundlegendes Verständnis der physikalischen
Zusammenhänge notwendig. Das menschliche Auge benötigt das volle Spektrum
des sichtbaren Lichts, um Farben korrekt wahrzunehmen. Das Sonnenlicht gilt
hierbei als Referenzgröße und besitzt per Definition den maximalen
Farbwiedergabeindex von Ra 100.
Moderne LED-Technik, die heute den Standard in fast allen Bauprojekten darstellt,
erzeugt weißes Licht meist künstlich durch die Umwandlung von blauem Licht mittels
einer Phosphorschicht. Je nach Qualität dieser Technik gelingt es besser oder
schlechter, das vollständige Spektrum der Sonne nachzubilden. Fehlen bestimmte
Wellenlängen im Licht, können die entsprechenden Farben auf den beleuchteten
Materialien nicht reflektiert werden. Sie erscheinen für den Betrachter verfälscht oder
grau.
In der Baupraxis bedeutet dies eine direkte Abhängigkeit. Die Materialauswahl und
die Lichtplanung dürfen nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Ein
hochwertiger Parkettboden oder eine exklusive Wandspachteltechnik kann ihre
Wirkung nur entfalten, wenn das Licht die entsprechenden Farbpigmente auch „bedienen“ kann. Der CRI ist somit ein direkter Qualitätshebel für das gesamte
optische Ergebnis eines Bauprojekts.
Der Industriestandard Ra 80 und seine Grenzen
In der breiten Masse der Bauprojekte, insbesondere im gewerblichen Bereich und im
öffentlichen Bau, hat sich ein Standardwert von Ra 80 etabliert. Dieser Wert erfüllt
die gängigen Normen, wie etwa die DIN EN 12464 für die Beleuchtung von
Arbeitsstätten. Er stellt einen wirtschaftlichen Kompromiss dar, der für viele
Funktionsbereiche ausreichend ist.
Einsatzbereiche für Standardbeleuchtung
In Zonen, in denen die reine Orientierung, die Sicherheit oder einfache Sehaufgaben
im Vordergrund stehen, ist ein CRI von 80 absolut vertretbar. Dies betrifft
beispielsweise:
- Treppenhäuser und Fluchtwege
- Tiefgaragen und Technikräume
- Lagerräume und Archive
- Außenbereiche zur Wegebeleuchtung
Hier steht die Energieeffizienz oft an erster Stelle. Da LEDs mit niedrigerem CRI oft
eine etwas höhere Lichtausbeute (Lumen pro Watt) haben, ist ihr Einsatz hier
ökonomisch und ökologisch sinnvoll.
Wo der Standard nicht ausreicht
Problematisch wird der Standardwert jedoch überall dort, wo Menschen sich länger
aufhalten, wo Wohnlichkeit erzeugt werden soll oder wo Produkte und Materialien
präsentiert werden. Ein CRI von 80 hat eine begrenzte Fähigkeit, Farben differenziert
wiederzugeben. Insbesondere bei Mischfarben und feinen Nuancen stößt diese
Lichtqualität an ihre Grenzen. In einem Verkaufsraum, einem Büro mit
Kundenverkehr oder einem Wohngebäude führt dies oft zu einer Atmosphäre, die als
„künstlich“ oder „steril“ empfunden wird. Planer sollten daher genau abwägen, in
welchen Zonen dieser Standard verlassen werden muss, um dem Anspruch des
Projekts gerecht zu werden.
Qualitätsmerkmal Ra 90+: Wann sich der Aufpreis lohnt
Die Entwicklung der LED-Technik hat in den letzten Jahren große Sprünge gemacht.
Leuchtmittel mit einem Farbwiedergabeindex von Ra 90 oder höher sind heute breit
verfügbar und preislich attraktiv. Für Bauprojekte mit einem gewissen
Qualitätsanspruch sind sie oft die bessere Wahl.
Der visuelle Unterschied zwischen Ra 80 und Ra 90 ist signifikant. Unter Licht mit Ra
90+ wirken Oberflächen plastischer und Farben gesättigter. Der Raum gewinnt an
Tiefe. Dies ist kein subjektives Empfinden, sondern physikalisch messbar. Das breitere Lichtspektrum sorgt für höhere Kontraste. Dies hat konkrete Vorteile für verschiedene Gebäudetypen:
- Büroimmobilien: Eine bessere Farbwiedergabe kann das Wohlbefinden am
Arbeitsplatz steigern. Eine natürlichere Lichtumgebung wirkt weniger
ermüdend. - Einzelhandel (Retail): Ware, die farbgetreu beleuchtet wird, verkauft sich
besser. Die Retourenquote sinkt, da der Kunde die Farbe des Produkts im
Laden korrekt wahrnimmt. - Wohnungsbau: Im privaten Umfeld ist die Atmosphäre das wichtigste
Verkaufsargument. Hochwertiges Licht unterstreicht die Wertigkeit der
Immobilie.
Für Bauträger und Immobilienentwickler kann der Einsatz von High-CRI-
Beleuchtung ein kosteneffizientes Mittel sein, um den wahrgenommenen Wert eines
Objekts zu steigern, ohne die Baukosten massiv in die Höhe zu treiben.
Das Detailproblem: R9 und die Farbe Rot
Ein Aspekt, der in Leistungsverzeichnissen und Ausschreibungen oft übersehen wird,
ist der sogenannte R9-Wert. Der allgemeine Ra-Wert (CRI) ist ein Durchschnittswert.
Er kann hoch sein, selbst wenn die Wiedergabe von gesättigtem Rot schlecht ist.
Rot ist jedoch eine kritische Farbe für die Wahrnehmung von Architektur und
Menschen.
- Hauttöne: Ein schlechter R9-Wert lässt Personen blass oder ungesund aussehen. Dies ist in Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern oder Seniorenheimen ein relevanter Faktor für das soziale Wohlbefinden.
- Baumaterialien: Viele natürliche Baustoffe haben einen hohen Rotanteil. Dazu gehören Ziegel, Klinker, Terrakotta, Kupfer, aber auch viele Holzarten wie Buche, Kirsche oder rötliche Eiche.
- Wahrnehmung: Fehlt der Rotanteil im Lichtspektrum, wirken diese Materialien stumpf. Eine Backsteinwand verliert ihre Lebendigkeit, ein Holzboden wirkt vergraut.
Fachkundige Planer achten daher darauf, dass nicht nur der allgemeine CRI stimmt,
sondern spezifizieren in sensiblen Bereichen explizit einen positiven und hohen R9-
Wert. Dies sichert die Materialwirkung von organischen und rötlichen Oberflächen
ab.
Licht und Material: Herausforderungen in der Ausführung
Ein häufiges Streitthema am Bau sind Abweichungen zwischen bemustertem
Material und eingebautem Zustand. Oft wird dem Handwerker vorgeworfen, eine
falsche Charge geliefert zu haben. In vielen Fällen ist jedoch das Licht die Ursache.
Dieses Phänomen ist als Metamerie bekannt. Zwei Farben können unter einer Lichtart (Tageslicht bei der Bemusterung) identisch aussehen, unter einer anderen Lichtart (Kunstlicht im Gebäude) jedoch völlig verschieden wirken.
Bodenbeläge
Besonders bei Holzböden und textilen Belägen ist die Farbwiedergabe kritisch. Ein
Teppichboden, der im Showroom ein warmes Grau hatte, kann im fertigen
Bürokomplex plötzlich grünlich wirken, wenn die Beleuchtung spektrale Lücken im
Rotbereich aufweist. Dies führt zu unnötigen Diskussionen und Mängelanzeigen, die
durch eine korrekte Lichtplanung vermeidbar wären.
Wandgestaltung
Malerarbeiten und farbige Spachteltechniken reagieren sehr sensibel auf
Lichtqualität. Hochwertige Farben mit komplexen Pigmentierungen benötigen ein
volles Spektrum, um ihre Farbtiefe zu zeigen. Bei billigen Leuchtmitteln „kippt“ der
Farbton oft. Planer sollten den Bauherren darauf hinweisen, dass die gewählte
exklusive Wandfarbe nur mit der passenden Beleuchtung funktioniert.
Checkliste für Bauherren und Planer
Um die Qualität der Beleuchtung im Bauprojekt sicherzustellen, empfiehlt sich ein
systematisches Vorgehen bei der Auswahl und Ausschreibung. Folgende Punkte
sollten beachtet werden:
- Bedarfsanalyse: Für jeden Raumtyp sollte vorab festgelegt werden, welche visuellen Aufgaben dort stattfinden und welcher Anspruch an die Farbtreue besteht. Nicht jeder Raum braucht High-End-Licht, aber repräsentative Bereiche schon.
- Spezifikation in der Ausschreibung: Vage Formulierungen wie „hochwertige LED-Beleuchtung“ sind rechtlich und technisch nicht greifbar. Definieren Sie klare Werte. Zum Beispiel: „CRI > 90“ für Aufenthaltsräume.
- Musterleuchten: Bei größeren Projekten lohnt es sich, eine Musterachse oder einen Musterraum einzurichten. Dort sollten die finalen Materialien (Boden, Wand) unter dem geplanten Kunstlicht begutachtet werden. Dies ist die einzige Möglichkeit, böse Überraschungen bei der Fertigstellung auszuschließen.
- Datenblätter prüfen: Vertrauen Sie nicht auf Werbeaussagen auf der Verpackung. Ein Blick in das technische Datenblatt verrät die wahren Werte. Achten Sie auf spektrale Verteilungskurven, falls verfügbar.
Trends und Zukunftssicherheit
Die Anforderungen an Gebäude steigen stetig. Zertifizierungssysteme wie DGNB
(Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) oder WELL Building Standard legen
immer mehr Wert auf den Nutzerkomfort und die visuelle Qualität. Eine Beleuchtung
mit hohem Farbwiedergabeindex trägt positiv zu diesen Bewertungen bei.
Zudem etabliert sich zunehmend die sogenannte Vollspektrum-Technologie. Diese
LEDs ahmen das Sonnenlicht fast perfekt nach und erreichen Werte von Ra 97 oder
Ra 98. Sie minimieren zudem den oft kritisierten Blaulichtanteil herkömmlicher LEDs.
Auch wenn diese Technik aktuell noch etwas preisintensiver ist, stellt sie die Zukunft
der Innenraumbeleuchtung dar. Wer heute ein Gebäude plant, das auch in zehn
Jahren noch als modern und hochwertig gelten soll, sollte diese Entwicklung in
Betracht ziehen.
Fazit: Licht als Baustoff verstehen
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Licht im Bauwesen als immaterieller
Baustoff betrachtet werden muss. Es hat die gleiche Relevanz für die Raumwirkung
wie physische Materialien. Der Farbwiedergabeindex ist dabei die Währung, mit der
die Qualität dieses Baustoffs gemessen wird.
Für die Baupraxis bedeutet das: Wer an der Lichtqualität spart, entwertet oft die
übrigen Investitionen in Architektur und Innenausbau. Eine bewusste Entscheidung
für einen angemessenen CRI, angepasst an die Nutzung des Gebäudes, ist ein
Zeichen von Planungskompetenz und sorgt nachhaltig für zufriedene Nutzer und
Bauherren. Es ist eine Detailentscheidung mit großer Hebelwirkung für den
Gesamterfolg eines Projekts.


